Archäologischer Arbeitskreis (AAK)

 Keramikfunde aus Kervenheim

Arbeitskreise  

Fotos: Klaus Oerschkes

 

Von der Restscherbenauswertung zur AAK-Ausstellung

„Vom Fundstück zum Prunkstück"

1. Was wurde wo gefunden?

Im Januar und Februar 1980 haben die Mitglieder des Archäologischen Arbeitskreises (AAK) in einem Baustellenbereich in Kervenheim Keramikbruchstücke geborgen.

Rund um den Bereich des alten Potthauses in Kervenheim wurden in der Vergangenheit von interessierten Bürgern immer wieder Streufunde aufgelesen, so dass bei den anstehenden Tiefbauarbeiten mit größeren Funden zurechnen war. Im Baugrubenaushub und in den Grubenprofilen waren Scherben zu erkennen.

Die Mitglieder des AAK haben u. a. das vom Bagger freigelegte Profil, aufgenommen und dokumentiert. Hierbei wurde das Fundgut schichtweise abgetragen. Durch diese Vorgehensweise konnten auch wenigzerstörte Teller, Schüsseln, sonstige Gebrauchsgegenstände und 50 Kartons mit Scherben geborgen werden.

Die großen und interessanten Fundstücke wurden aufgrund ihrer Formen, Verzierungen und Motiven fotografiert, gezeichnet und weitergehend ausgewertet.

Neben den AAK-Mitgliedern waren weitere interessierte Bürger an den Baustellen und bei den Fundbergungen dabei.

Das meiste Fundmaterial wurde in Kervenheim durch engagierte Bürger geborgen.

In Kervenheim kümmerten sich u.a. die Familie Kerkenrat, Familie Halmans und die Familie Janssen vorbildlich um die Restauration der Keramikteile.

In mehreren Ausstellungen unter anderem 1992 im kervenheimer Pfarrheim,1993 beim Keramiksymposium im Hetjensmuseum in Düsseldorf, danach in Horst, Issum und im ‘t Freulekeshuus in Venray. Des weiteren wurden ausgesuchte Stücke von August 1999 bis Januar 2000 in der Ausstellung des Archäologischen Arbeitskreises (20 Jahre AAK) im Kreisarchiv in Geldern der Öffentlichkeit präsentiert.

Diese Ausstellung mit dem Titel „ Vom Fundstück zum Prunkstück" sollte den Besuchern einen Teil der Aktivitäten des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend e.V. und insbesondere die des Archäologischen Arbeitskreises (AAK) zeigen.

2. Wie kam es der erneuten Restscherbenauswertung?

Die von den AAK-Mitgliedern im Januar und Februar 1980 zusammengetragenen kervenheimer Keramikbruchstücke sind Produktionsabfälle und wurden nach der wissenschaftlichen Auswertung in Kartons an verschiedenen Orten zwischengelagert. Nach der Einlagerung im gelderner AAK-Lager wurden auch die Lagerkartons im Juli 1997 durch einen Wasserschaden beschädigt. Die Scherben wurden aus den durchnässten Lagerkartons herausgenommen, getrocknet und umgepackt. Bei diesen Umräumarbeiten entstand die Idee, das vorgefundene Keramikmaterial noch einmal für eine rechnerunterstützte Auswertung vorzubereiten und anschließend zu archivieren.

Die große Geduldsarbeit der erneuten Scherbenauswertung wurde im April 1998 von drei AAK-Mitgliedern begonnen.

Zur systematischen Funderfassung wurden die Keramikteile kartonweise in einem Formblatt erfasst. Es könnten zu einem späteren Zeitpunkt weitere, zusätzliche Auswertungen und eine Archiverfassung erfolgen. Auf diese Weise könnten bzw. können unter Mithilfe eines Personalcomputer zusammengehörende Teile ermittelt werden.

Die Farbbestimmung brachte gleich zu Beginn der Erfassungsarbeiten ein großes Problemfeld und erzeugte bei der Bearbeitern mehr Fragen als Lösungswege. Sollte nur die Hauptfarbe einer Scherbe genannt werden oder auch die vielen Abstufungen?

Die Farbwahrnehmung wurde durch äußere Umstände wie Kunstlicht oder Farbdefinitions- und Farbempfindungsabweichungen der Fundbearbeiter ganz erheblich beeinflusst.

Die Farbe der kervenheimer Fundstücke ist in der Literatur bereits mehrfach beschrieben worden. Dennoch hatten wir gleich zu Auswertungsbeginn Probleme mit den Scherbenfarben.

Es stellte sich die Frage der korrekten Farbbeschreibung und deren Abstufungen. Sollten wir nur die Grundfarben und keine Abstufungen für unsere Aufzeichnung verwenden?

Welche Farbbestimmung ist für die spätere Auswertung sinnvoll?

Über Farbbestimmungen für Briefmarken und über verschiedenen Farbtabellen sind schließlich die Vorschläge zur systematischen Beschreibung von Keramik des Rheinischen Landesmuseums Bonn aufgegriffen worden. Alle Farbbestimmungshilfen gehen von einer gleichmäßigen Farbe aus. Dies ist verarbeitungstechnisch bedingt bei Keramik, so auch bei den vorliegenden Fundstücken, nur selten der Fall.

Die vorläufigen Farbbestimmungen sollten zum Schluss der Auswertungs- und Erfassungstätigkeit noch einmal überarbeitet werden, wenn eine für die Dokumentation handhabbare Farbbestimmungsmethode vorliegt. Für unsere Arbeit wäre ein Messgerät für die Bestimmung der Lichtwellenlänge als Farbbestimmungshilfe eine mögliche Problemlösung.

Bei der Altersbestimmung der Scherbenfunde konnten die Jahresangaben auf den Fundstücken und die örtlichen, historischen Quellen genutzt werden. Obwohl bereits um 1300 das Töpferhandwerk in Kervenheim durch geldrische Rechnungen (1294-95) dokumentiert werden konnte, sind Fundstücke aus dieser frühen Zeit nicht bekannt. Eine messbare Altersbestimmung wurde bei den gefundenen Keramikteilen aus Kostengründen bisher nicht durchgeführt. Hierfür hätten sich die Infrarot-Spektral-Analyse ( Messung des Umfangs der Hydratbildung -Tonmineralien aus den Silikaten-), die Mößbauer-Spektroskopie (Abbau der Eisenverbindungen) sowie die Thermo-Lumineszenz-Analyse angeboten.

Die bisher von AAK-Mitgliedern publizierten Formen, Farben, Motive und Zierlinien der Keramikscherben konnten bestätigt und durch bisher noch unbekannte Varianten ergänzt werden.

Es bleiben trotz der zahlreichen Publikationen über die kervenheimer Keramikfunde immer noch interessante Fragestellungen für spätere wissenschaftliche Bearbeitungen offen, wie zum Beispiel:

  • Treten die Fehlbrände periodisch auftreten ?
  • Warum ist die Ver- und Bearbeitungsqualität bei den Fehlbränden so unterschiedlich?
  • Wird nur der gleiche in der Umgebung geförderte Ton verwendet?
  • Gab es damals bereits ein Art genormte Keramikteile in Bezug auf Stapelbarkeit Formen, Durchmesser und Höhe?

In den letzten Jahrhunderten zählte die am Niederrhein produzierte, reichlich verzierte Gebrauchskeramik zu den Prunkstücken in vielen Haushalten.

Spontane Rekonstruktionsversuche der Fundbearbeiter waren beeindruckend.

Zur systematischen Archivierung aller Scherben mussten, genau wie vor 19 Jahren, noch einmal die wichtigsten Merkmale und Kennzeichen zur späteren Auswertung in ein Dokumentationsblatt erfasst werden.

Diese sehr große Geduldsarbeit wurde im April 1998 begonnen.

Die Freude über zusammengehörende Teile gab immer wieder neuen Ansporn weiterzumachen.

Die Gebrauchskeramik aus Kervenheim und hat damit gegenüber anderen Fundorten in unserer Region eine Besonderheit. Die Töpferei ( das Potthaus ) ist heute noch sichtbar und wurde gerade vor dem entgültigen Verfall gerettet. Eine junge Töpferin arbeitet seit etwa einem Jahr an der historischen Stelle.

Gebrauchskeramik vom Niederrhein, wie sie auch in Kervenheim gefunden worden ist , wurde über die verschiedenen Handelswege in die ganze Welt geliefert. Einzelne Keramikteile sind heute in den dortigen Museen zu sehen.

Die Gegenstände der Niederrheinischen Gebrauchskeramik waren wegen der Muster und Verzierungen in den Haushalten ein begehrter Artikel des täglichen Lebens.

Die Ergebnisse der ersten wissenschaftlichen Auswertung (1980-1982) der Funde durch Mitglieder des AAK konnten von der jetzigen Arbeitsgruppe bestätigt werden. Dies gilt auch für Motive am Teller-/ Schüsselboden und die verschiedenen Zierlinien an den Schüsselwänden und Tellerrändern.

Aus heutiger Sicht können wir bestätigen, das die Funde damals vorbildlich dokumentiert worden sind.

Die genaue Altersbestimmung der Scherben wurde bis heute nicht direkt durchgeführt und könnte zur wissenschaftlichen Abrundung an ausgesuchten Scherben und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt noch durchgeführt werden.

Bei den Sortierarbeiten ergaben sich viele offenen Fragen. Diese Fragen könnten die Grundlage für eine wissenschaftlichen Arbeit über die in Kervenheim gefundenen Keramik werden.

Nachfolgende Fragen sind für uns offen geblieben bzw. konnten bis heute nicht eindeutig geklärt werden:

 

  • Warum häufen sich die Fehlbrände in verschiedenen Jahren bei den zufälligen Fundstellen?
  • Warum sind einige Tonscherben am Boden und im Randbereich auffällig unsauber gearbeitet worden?
  • Warum sind einzelne Farben und Motive genau und exakt gearbeitet worden und andere deutlich weniger genau und exakt?
  • Warum wurden die Teile gebrannt, obwohl einige Motiv- und Zierfarben ineinander verlaufen sind?
  • Warum gibt es Scherben eines einzelnen Teiles mit unterschiedlichen Tonfarben - rote, rotbraun bis ins schwarze übergehend –
  • Fand ein Generationswechsel statt oder waren die Töpfer Innovationsfreudig?
  • Hat sich das Ausgangsmaterial über die Zeit verändert oder gab es know hoff- Verlust ?
  • Gab es einen neuen Brennofen, Sabotage oder zeitweise eine Töpferschule?

3. Wie kam es zu der AAK-Ausstellung „Vom Fundstück zum Prunkstück" ?

Nach den umfangreichen Vorarbeiten der Restscherbenauswertung und mit Blick auf einige zusammengesetzten Keramikscherben entstand die Idee die bisherigen Arbeiten Schritt für Schritt zu dokumentieren und durch eine Ausstellung der Öffentlichkeit vorzustellen.

So wurde den Besuchern zu Anfang der Ausstellung das Potthaus als vermutliche, ehemalige Produktionsstätte auf einen alten Bild gezeigt.

Der älteste (1714), datierte Fund und gleichzeitig der jüngste (ca. 1996) Teller mit den Bauernkeramikmotiven wurde in einer Vitrine nebeneinander aufgebaut.

Der jüngste Teller (ca. 1996) ist in der Ausstellung war der einzige Teller der nicht zerstört wurde bzw. ein Fehlbrand ist.

Des weiteren wurden Fehlbrände der neuzeitlichen Gebrauchskeramikart neben den alten Fehlbränden ausgestellt.

Der Fundstellenlageplan und die Fundumstände im Baugrubenprofil, wie sie von AAK-Mitgliedern vor ca. 20 Jahren bei der Bergung vorgefunden wurden in einer Vitrine zusammengestellt.

Die alten und neuen Ausstellungsstücke bilden mit den Funddokumentationen den Bogen dieser AAK-Ausstellung.

Die sehr gut restaurierten Teller der Familie Janssen wurden in den Vitrinen zusammen mit Keramikteilen, die in der Form- und Mustergebung den ca. 300 jährigen Fundstücken nachempfunden sind, jedoch in den letzten Jahrzehnten produziert worden sind, zusammen gezeigt. Für den Produktvergleich wurden auch Fehlbrände gegenüber gestellt.

Die interessanten Varianten der Zierlinien und Bodenmotive sind in den Ausstellungsvitrinen ausgestellt und an der Stellwand dokumentiert. Einige neue Zierlinien und Zierlinienvarianten konnten wir dem Publikum vorstellen und durch Zeichnungen ergänzen. Des weiteren wurden die ersten AAK-Funddokumentationen und ein Fotodokumentation zur aktuellen Auswertearbeit gezeigt.

Eine kleine Auswahl der zusammengesetzten Keramikteile wurden mit interessanten Fundstücken und mit den neuen Mustervarianten in den Vitrine präsentiert.

Die beiden beeindruckensten Ausstellungsstücke waren eine Leihgabe der Familie Janssen aus Kervenheim und wurden zusammen mit einer Auswahl der bisher erschienenen Literatur zu den Fundstücken ausgestellt.

Die Plakate der früheren Ausstellungen der in Kervenheim gefundenen Keramikteile runden die Ausstellung ab.

Die AAK-Ausstellung der Restscherbenauswertung im Kreisarchiv in Geldern wurde durch private und öffentliche Leihgaben ergänzt.

Einen besonderen Dank für die Leihgaben, den etwas älteren und neueren Ausstellungshilfsmitteln möchte ich an die privaten Leihgeber Familie Janssen, Familie Lemmens, Firma Kippes, dem Heimatverein Veert , dem Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte in Kevelaer und dem Geologischen Landesamt in Krefeld richten.

 

Ich möchte mich bei den beiden anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe, Frau Marianne Rudnick und Frau Hilde Smitmans für ihre Ausdauer und bei allen anderen Vereinsmitgliedern für die Unterstützung bedanken.

Die vielen positiven Meinungsäusserungen im Gästebuch zu unserer Ausstellung gaben uns die notwendige Kraft und den Ansporn die angefangene Geduldsarbeit zum positiven Abschluss zu bringen.

4. Ein weiteres Ziel war die rechnerunterstützte Datenauswertung.

Diese Auswertung brachte direkt eine ganze Reihe von interessanten Ergebnissen. Bei einer differenzierteren Betrachtung und Überprüfung der Ergebnisse musste erkannt werden, dass bei der Datenerzeugung viele Merkmale eines Keramikbruchstücks erfasst werden konnten, aber nicht alle.

Nicht erfasst worden sind zum Beispiel die Bruchstückformen, –kanten und Materialstärke, bei den Wellenlinien die Bogenweite oder bei mehreren Zierlinien die Farbenfolgen und die Linienstärken. Der nicht erfasste Scherbenerhaltungszustand führte ebenso zu fehlerhaften Ergebnissen wie die Farbbestimmungen.

Fazit neben den neuen Varianten der Randmotive und Zierlinien wurde ein gute, rechnergestützte Grundlage für die Archivierung der Restscherben geschaffen.

5. Auswahl der verwandten Literatur:

Niederrheinische Bauerntöpferei 17. – 19. Jahrhundert, M. Scholten-Nees und W. Jüttner, Rheinland-Verlag GmbH, Düsseldorf

Keramik vom Niederrhein, Joachim Naumann und Mitarbeiter, ISBN 3-927396-00-1, Kölner Stadtmuseum

Geldrischer Heimatkalender 1993 –Die Schaephuysener Töpferfamilie Pottbeckers ab Seite 62, Theo Mäschig, Historischer Verein für Geldern und Umgegend

Geldrischer Heimatkalender 1999 –Die Schaephuysener Töpferfamilie Kölschen ab Seite 133, Theo Mäschig, Historischer Verein für Geldern und Umgegend

Geldrischer Heimatkalender 2001 –Issum-ein Töpferort vom 17. Bis zum 19. Jahrhundert ab Seite 294, Guido Tersteegen, Historischer Verein für Geldern und Umgegend

Keramik aus Kervenheim, Produkte einer Töpferwerkstatt von 1715 – 1772, Stefan Frankewitz, Katalog zur Ausstellung des Heimat- und Verschönerungsvereins Kervenheim und Kervendonk e.V. 1992

Dokumentationssammlung zur Kervenheimer Töpferei, Heimat- und Verschönerungsvereins Kervenheim und Kervendonk e.V.

Deutsche Volkskunst- Die Rheinlande-Niederrheinische Keramik ab Seite 28, Verlag Weidlich

Festtagsschüsseln vom Niederrhein, Stadt Krefeld, Museum Burg Linn

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