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Gelre - Geldern - Gelderland. Geschichte und Kultur des Herzogtums Geldern, Hrsg. im Auftrag des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend von Johannes Stinnerund Karl-Heinz Tekath

   

Gelre - Geldern - Gelderland. Geschichte und Kultur des Herzogtums Geldern, Hrsg. im Auftrag des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend von Johannes Stinnerund Karl-Heinz Tekath, Verlag des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, Geldern 2001, 527 S., zahlr. Abb. u. Karten; Das Goldene Zeitalter des Herzogtums Geldern. Geschichte, Kunst und Kultur im 15. und 16. Jahrhundert. Ausstellungskatalog, Verlag des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, Geldern 2001, 252 S., zahlr. Abb.

Als Teil des deutsch-niederländischen Projekts „Laat vriendschap helen, wat grenzen delen" sind die zwei anzuzeigenden Bände als Katalog- und Aufsatzband zur Ausstellung „Das Goldene Zeitalter des Herzogtums Geldern. Geschichte, Kunst und Kultur im 15. und 16. Jahrhundert" erschienen. Dem Konzept der Ausstellung folgend dokumentiert der Katalog mit seinen qualitativ hochwertigen Abbildungen und ausführlichen Erläuterungen zunächst die politische Geschichte des Herzogtums in Mittelalter und Früher Neuzeit. Daran schließen sich die Burgen- und Wohnkultur sowie einzelne Aspekte des städtischen Alltags im Spätmittelalter an. Gefolgt von den litterae bildet dann mit der Gelria sacra die religiöse Kultur des Herzogtums einen weiteren Schwerpunkt.

Dem grenzüberschreitenden Charakter der Ausstellung ist auch der sie begleitende Aufsatzband verpflichtet. In ihm skizzieren ausgewiesene Kenner der rheinischen Landesgeschichte in 48 Einzelbeiträgen sowohl aus deutscher als auch aus niederländischer Perspektive den Forschungsstand zur historischen Entwicklung Gelderns. Thematisch gliedert sich der Band in sechs Abschnitte, von denen im ersten ein ebenso profunder wie konziser Überblick über die Geschichte der Grafschaft und des späteren Herzogtums bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gegeben wird. Daran schließt sich die Darstellung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der einzelnen Quartiere nach 1543 an. Dann folgen die Außenbeziehungen Gelderns bis zum Traktat von Venlo, die unter dem Gesichtspunkt „Das Herzogtum Geldern im Spannungsfeld von Bündnis und Konkurrenz an Maas, Rhein und Ijssel" erörtert werden. Die Autoren des nächsten Abschnitts hingegen widmen sich außer der Verfassung, der Verwaltung und Wirtschaft auch den sozialen sowie religiösen bzw. konfessionellen Verhältnissen bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der folgenden Beiträge stehen schließlich die Kunst und Kultur Gelderns vom Mittelalter bis zum Ende des Ancien Regime sowie die „Gelderland"-Identität und das historische Bewusstsein bis in die Gegenwart. Ein Anhang mit Zeittafel, Abkürzungs-, Siglen- und Kurztitelverzeichnis sowie ein Bildnachweis runden den Band ab.

Insgesamt haben die einzelnen Autoren eine solche Fülle wichtiger Details zusammengetragen, dass darauf hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann. Auch verbietet schon die Anzahl der Beiträge selbst, sie allesamt berücksichtigen zu wollen. Im Rückgriff auf den Katalog stellen jedoch zweifellos die kulturgeschichtlich` orientierten Beiträge einen besonderen Vorzug dar. Als sehr instruktiv erweist sich dabei der interdisziplinäre Zugang, den sie etwa zur adligen Lebenswelt und höfischen Kultur des Mittelalters eröffnen. Besonders deutlich wird dabei die Bedeutung, die das spätere Herzogtum Geldern im mittelalterlichen Kulturtransfer einnahm.

So zeigt beispielsweise Helmut Tervooren, der die Literatur am Gelderner Hof bis etwa 1370 thematisiert, dass stärker als bisher angenommenen der höfische Literaturbetrieb Gelderns von französischen Einflüssen geprägt war. Zusammen mit der geldrischen Hausüberlieferung` nimmt Tervooren schließlich die verwandtschaftlichen Beziehungen des geldrischen Grafen- bzw. Herzogshauses in den Blick und interpretiert sie als „politisch-kulturelle Netzwerke". Unter literaturgeschichtlichen Gesichtspunkten bleiben seine Ausführungen hierzu zwar eher vage, gleichwohl zeigt der Verfasser damit aber einen Weg auf, der für die künftige Erforschung literarischer Traditionen am Gelderner Hof nicht ohne Belang sein wird. Dem Wechselverhältnis von Hof und Kultur wendet sich auch Gerhard Nisten zu. Er macht darauf aufmerksam, dass die dominante Position Gelderns innerhalb des niederrheinischen Territorialgefüges unter anderem im herzoglichen Hof ihren Ausdruck fand, wie umgekehrt die Attraktivität des Hofes zur Integration politisch-sozialer Eliten beitrug und damit seinerseits herrschaftsstabilisierend wirken konnte. Dabei geht er - ähnlich wie Tervooren - von den weit gespannten politischen und verwandtschaftlichen Beziehungen des Herzogshauses sowie der geographischen Lage Gelderns aus und weist in diesem Zusammenhang auf den Stellenwert Gelderns als kulturelle Drehscheibe` am Niederrhein hin.

Diesem Aspekt geht auch Toni Diederich anhand der Siegel nach. So kann er zum Beispiel bereits für die Zeit um 1200 flandrische Einflüsse in der geldrischen Siegelkunst wahrscheinlich machen. Die Rolle, die Geldern im „Transfer entwickelter gotischer Stilformen in die deutsche Siegelkunst besessen hat", zeichnet Diederich am Beispiel der „auffälligste(n) und kunsthistorisch bedeutendste(n) Siegelschöpfung Gelderns", dem Standsiegel der Herzogin Eleonore, nach, indem er auf englische und französische Vorbilder verweist. R.A.MJ. Dückers gelangt schließlich anhand privater Andachtsbücher der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem ganz ähnlichen Befund. Er stellt heraus, dass mit Blick auf die Buchillustration von vielfältigen Kontakten ausgegangen und ein reger Austausch zwischen den Zentren der Buchmalerei in Rechnung gestellt werden muss. Dass dabei entscheidende Impulse auch von Geldern ausgingen, zeigt der von ihm angeführte Umstand, dass die Brüder Paul, Jan und Herman Limburg, die ursprünglich im Herzogtum Geldern beheimatet waren, für Herzog Jean de Berry die Tres riches Heures oder die Belles Heures illustrierten. Umgekehrt gab - und das zeigt die Intensität des kulturellen Austausches - Maria von Geldern, die Nichte des Herzogs von Berry und Gemahlin Rainalds IV. von Geldern, ihr bekanntes Gebetbuch bei Werkstätten in Auftrag, die von Kölner Vorbildern ebenso beeinflusst waren wie von der französischen Variante der sogenannten internationalen Gotik.

Wie die angeführten Beiträge zeigen, weist der Aufsatzband mit seinem Titel „Gelre, Geldern, Gelderland. Geschichte und Kultur des Herzogtums Geldern" inhaltlich weit über die Grenzen Gelderns und der Niederrheinlande hinaus. Zusammen mit dem Katalog zur Ausstellung entwirft er ein eindrucksvolles und facettenreichen Bild von einer Landschaft, deren Geschichte und Kultur in weiten Teilen erst vor europäischem Hintergrund verständlich wird. Dies deutlich gemacht zu haben, ist das Verdienst sowohl der Herausgeber als auch der Autoren, die sich zudem einer erfreulich unprätentiösen Sprache bedienen, sich wo immer möglich wissenschaftlicher Fachtermini enthalten und somit den Bedürfnissen eines breiten Leserkreises gerecht werden. Kritisch anmerken lässt sich freilich, dass der - zuweilen verständliche - Wunsch, Fußnoten auf ein Mindestmaß zu beschränken, von den Autoren offensichtlich sehr unterschiedlich ausgelegt wurde. Insofern wird die Einheitlichkeit mitunter stark beeinträchtigt. Von Vorteil wäre sicher auch ein Register zur besseren Handhabung gewesen. Dies ändert letztlich jedoch nichts an dem positiven Gesamteindruck beider Bände, die bestehende Desiderata in der Regel klar benennen und nicht zuletzt deshalb künftig einen festen Platz im Regal eines jeden, der sich mit der Geschichte Gelderns auseinander setzen möchte, finden sollten

Duisburg                                                                        Jens Lieven

(aus Düsseldorfer Jahrbuch, 73. Band,Düsseldorf 2002, S. 419 - 422)

 

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